natur-fotos.net | Naturfotografien von Christoph Mischke

“Weil Du die Augen offen hast, glaubst Du, Du siehst.”
(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein kleiner Freund, ...

... seit Monaten gehst Du mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit wir uns im Frühjahr zum ersten Mal zufällig begegnet sind. Ich erinnere mich noch genau: Ein schriller Pfiff und ein türkises Etwas, das pfeilschnell den Bachlauf entlanggeflogen ist. Damals hast Du mich endgültig in Deinen Bann gezogen. Die Bilder Deiner Artgenossen, die es im Internet reichlich gibt, hatten mich zwar schon immer fasziniert – aber eine Begegnung in freier Natur ist durch kein Bild zu ersetzen.

Seitdem war ich oft in Deinem Revier unterwegs, habe mich im Internet über Dich informiert und ein Buch über Dich „verschlungen“. Auf diese Weise habe ich viel über Dich gelernt, und mein Drang, Dich endlich in Fotodistanz zu erleben, wurde immer größer. Oft saß ich vergebens im Tarnzelt, nur ab und zu ist mir ein Foto gelungen – leider aus viel zu großer Entfernung.

Heute habe ich endlich mal wieder Zeit, auf Dich zu warten. Ich stehe früh auf, was werktags immer eine Qual ist, aber heute macht mir das nichts aus. Leider ist die Sonne, die in den vergangenen beiden Tagen wundervoll vom Himmel gelacht hat, nicht mit von der Partie – Hochnebel sorgt für mäßige Lichtverhältnisse. Dennoch sitze ich dick vermummelt bei -4 °C. im Tarnzelt.

Da! Etwas bewegt sich! Am Bachlauf hüpft ein Zaunkönig entlang. Ich mache ein Foto, weiß aber schon vor dem Auslösen, dass das sowieso wieder gelöscht wird. 1/6 s Belichtungszeit bei ISO 800 - keine tollen Voraussetzungen für ein recht quirliges Motiv ... Die Zeit vergeht. Spaziergänger und Hunde sorgen für Unruhe. Meine Hoffnung schwindet. Auf der NABU-Liste „Vögel im Raum Darmstadt“ bist Du als „Teilzieher“ aufgeführt. Hast Du Dir ein anderes Winterquartier gesucht? Habe ich Dich deswegen schon seit Wochen nicht mehr hier gesehen?

Jäh werden meine Gedanken von einem intensiv türkisen „Flugobjekt“ unterbrochen. Du bist an mir vorbeigeflogen! „Komm' zurück!“, denke ich. Und tatsächlich. Drei Minuten später sitzt Du seelenruhig in ca. 10 m Entfernung von mir auf einem Ast. Was für ein Gefühl! Jetzt nur keinen Fehler machen! Mit langsamen Bewegungen richte ich mein Objektiv auf Dich. Da! Du bist in meinem Sucher. Das Auslösegeräusch stört Dich nicht – Du gönnst mir 15 Aufnahmen. Mein Vorhaben, ISO 400 einzustellen und noch ein paar Bilder zu machen, ist aber nicht von Erfolg gekrönt. Du flatterst davon.

Meine Anspannung löst sich. Ein Glücksgefühl durchströmt meinen Körper. Das sind die Momente, die die Naturfotografie für mich so wertvoll machen.

Beim nächsten Mal spielt vielleicht auch die Sonne mit. Dann werden die Aufnahmen qualitativ noch besser. Nichtsdestotrotz bin ich stolz, Dich ohne Anfüttern abgelichtet zu haben.

Ich werde wiederkommen, mein kleiner Freund!